Lucia
Ronchetti

Texts
01-31-2014
Staatsoper im Schiller Theater, Werkstatt: "Lezioni di Tenebra"
Countertenor Daniel Gloger leistet Beeindruckendes in einer eher kühlen Inszenierung.
Bewertung:
Aus Alt mach Neu: Die italienische Komponistin Lucia Ronchetti hat die Barockoper Giasone von Francesco Cavalli – ja, was eigentlich? Riduzione nennt sie ihre Arbeit im Untertitel. Reduktion also; man könnte auch sagen: Verknappung. Das betrifft in erster Linie die Aufführungsdauer: Würde man das barocke Original auf die Bühne bringen, müsste man mit einer Spieldauer von vier bis fünf Stunden rechnen. Bei Lucia Ronchetti ist schon nach einer einzigen Stunde Schluss.
Lediglich Fragmente des Originals verwendet Lucia Ronchetti, hier eine originale Singstimme, dort eine Harmoniefolge. Auch die Figuren sind reduziert: Zwei Protagonisten, Sopran und Countertenor, bleiben übrig, die jeweils mehrere Rollen übernehmen müssen. Dazu kommen vier weitere Sänger, immer zusammen im Quartett. Das führt dazu, dass der Countertenor auch mal ein Duett mit sich selbst singen muss, abgesetzt durch den Kontrast Falsett gegen Bruststimme, immer abwechselnd.


Olivia Stahn; Foto: Stephanie Lehmann

Aus Alt wird neu
Lucia Ronchetti konzentriert sich auf das Formelhafte der barocken Opernsprache. Die Grundemotionen, die Affekte wie Liebe, Hass, Zorn, Freude oder Schmerz übersetzt sie in eine sehr deutliche, unmittelbare, emotionale Ausdrucksweise. Da wird erregt deklamiert, geschrien, geflüstert oder gejammert. Das ganze steht unter eine Dauerhysterie; alle sind unglaublich aufgeregt. Dazu kombiniert sie das barocke Original mit Mitteln der Neuen Musik. Eine originale Melodie wird etwa von Glockenspiel und gezupften Saiten im Flügel begleitet. Oder die Sänger schreien zu einer quasi originalen Begleitung durcheinander. Barocke Formeln treffen auf ebensolche formalisierten Elemente der Gegenwartsmusik, oder anders: Altes Kunstgewerbe wird durch neues ersetzt.


"Lezioni di Tenebra"; Foto: Stephanie Lehmann

Eine konkrete Handlung erschließt sich nicht
Ist schon in Cavallis Original die Geschichte so verwickelt, dass man kaum noch durchblickt, interessiert sich auch die Regisseurin Reyna Bruns kein bisschen für eine erzählerische Handlung. Da wird nichts aktualisiert oder in die Gegenwart geholt. Wer den Text nicht vor der Nase hat, versteht gar nichts. Die Regie setzt vielmehr das fort, was Original und Bearbeitung vorgeben: Sie spielt mit Formeln und Symbolen. Der Flügel im Zentrum der Bühnenfläche wirkt auch als Insel oder Bahre. Goldene Vorhänge und die Goldfarbe, die die Sänger auf die Haut gemalt bekommen haben, stehen für das Goldene Vlies im Mythos um Jason und Medea. Alles ist nur ein Spiel mit historischen und neueren Elementen des Musiktheaters. Sehr konzentriert, aber es bleibt ganz bei sich, weist nie über sich hinaus. Man bekommt einiges zu denken; es lässt aber völlig kalt, bleibt ganz theoretisch, hat keine Botschaft. Viel Kopf, wenig Herz.

Abstrakte Kälte
Getragen wird der Abend von den wunderbaren Musikern. Der Dirigent Max Renne hält alles sicher zusammen und sorgt für eine unangestrengte, souveräne Aufführung, hervorragend einstudiert und hoch professionell. Herausheben muss man indes den Countertenor Daniel Gloger. Er leistet Beeindruckendes: wechselt zwischen Sprechen, hohem und tiefem Singen und ist dabei permanent und mit vollem Körpereinsatz in die Inszenierung eingebunden. Vor allem bekommt man bei ihm die Ahnung, dass Musiktheater doch vielleicht irgendwie auch von echten Gefühlen künden könnte – etwas, das der Abend in seiner abstrakten Kälte sonst verweigert.
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