Lucia
Ronchetti

Texts
10-2011
Interview with Yuri Isabella Kato (DE)
Kato:
Last Desire ist ein Werk für Countertenor, Knabensopran, Bass, Soloviola und Live-elektronik von 2004/2005, das für die Neuen Vokalsolisten Stuttgart geschrieben wurde. Was empfinden Sie bei einer neuen Inszenierung ihres Werkes?

Ronchetti:
Ein faszinierender Aspekt dieser neuen Inszenierung ist für mich vor allem die neue musikalische Interpretation, die der Countertenor Valer Barna-Sabadus, der Bass Markus Hollop und der Bratscher Yuta Nishiyama realisieren. Sie arbeiten zum ersten Mal zusammen und sind in erster Linie keine „Spezialisten“ für zeitgenössische Musik. Aber trotzdem geben sie die Partitur sehr originalgetreu in meinem Sinne wieder und erschaffen gemeinsam eine einheitliche, brillante und sensible Klanglandschaft mit einem dichten Spiel der Spannung und Entspannung. Das hilft, das Ziel des Werkes zu verstehen, ein Spiel der unterschiedlichsten Arten des Wartens und ihrer dramatischen Konsequenzen.

Kato:
Mir gefällt besonders wie Sie die unterschiedlichen Klangfarben der Stimmen einsetzen, vor allem die des Countertenors. Was war hierzu ihre ursprüngliche Idee für das Werk?

Ronchetti:
Ich wollte, dass die beiden Protagonisten zunehmend zwischen den unterschiedlichen Wilde’schen Charakteren, die auf Salome warten, wechseln. Dazu haben sie unterschiedliche Gründe und Stimmungen. Der Countertenor ist der junge Syrer und schließlich der unruhige Herodias. Der Bass bewegt sich zwischen der tiefen aufdringlichen Stimme des Propheten Jochanaan und dem schließlich mehr feminin erscheinenden Herodes. Sie suchen in ihrem eigenen Körper diese unterschiedlichen Stimmen und erschaffen damit eine Kontinuität und Entwicklung für die Dauer des Wartens, nach dem Libretto von Tina Hartmann.

Kato:
Gibt es für die neue Inszenierung kompositorische Veränderungen bzw. Entwicklungen?

Ronchetti:
Ich denke es gibt Veränderungen, die mit der Interpretation zusammenhängen. Die Lesart des Regisseurs Elmar Supp und der Bühnen- und Kostümbildnerin Esther Dandani fokussiert vielleicht mehr die desillusionierende Seite des Begehrens der Männer für Salome. Sie wird eher als attraktive junge Frau unserer Tage wahrgenommen als eine biblische Figur. Und konsequenterweise wird das unendlich lange Warten auf Salome oder auch des Messias in Oscar Wildes Original entfernt. Diese neue Sichtweise hat einige Änderungen und Adaptionen der ursprünglichen Partitur zur Folge. „Last Desire“ ist nun ein wenig kürzer und neu strukturiert.

Kato:
Wirft man einen Blick auf ihr bisheriges Werkverzeichnis, entdeckt man eine Kadenz für Viola Solo und Live-Elektronik mit dem Titel „Last Desire- Cadenza“. Auch in der Oper findet man großartige Solopassagen für dieses Instrument. Gibt es einen Unterschied zwischen diesen beiden Kadenzen oder ist es auch möglich „Last Desire“ als ein work in progress zu begreifen?

Ronchetti:
Nein, ich würde „Last Desire“ nicht als ein work in progress bezeichnen. Die Partitur wurde 2004 speziell für den Countertenor Daniel Gloger und Andreas Fischer komponiert. In der originalen Partitur gibt es eine offene finale Kadenz für die Viola – sie symbolisiert die Klimax der angestauten Spannung, die von den drei Solisten während der unerträglichen Wartezeit erreicht wird und in der die Soloviola bis zum Ende ihrer physischen Grenze und ihrer Möglichkeiten spielen muss. Nach der ersten Inszenierung in Stuttgart beschloss ich anschließend meine ideale Cadenza für „Last Desire“ zu schreiben. So entstand ein Werk in enger Zusammenarbeit mit der Bratscherin Barbara Maurer und Reinhold Braig vom Experimentalstudio Freiburg. Aber dieses neue Stück ist ein davon unabhängiges Werk, es ist vielmehr eine starke Zusammenfassung der Oper und kann ihr nicht hinzugefügt werden.

Kato:
Wie verwenden sie die Elektronik und wie gehen sie mit dem Raum um, den die Live-Elektronik erschaffen können?

Ronchetti:
Die Live-Elektronik wird von Thomas Seelig gestaltet, wobei er von der ersten Programmierung von Olivier Pasquet ausgeht. Sie vergrößert die natürlichen Stimmen der Solisten, versieht sie mit einigen Echos, es entstehen klangliche Verlängerungen oder auch Widerhall, was durch den analytischen Algorithmus der Live-Elektronik realisiert wird. Eine parallele Funktion der Elektronik ist die Realisation eines klanglichen Szenario der wartenden Menschenmenge um Herodes Palast, dem luogo deputato der Wilde’schen Szene. Die Menschenmenge bestehend aus Bettlern, Soldaten, Gläubigern wird durch die klangliche Projektion dargestellt und verliert sich im oberen Raum der Werkstattbühne, wie eine versprengte Gruppe von Stimmen, die sich kreisartig auf einer Umlaufbahn um den Palast bewegen.
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