Lucia
Ronchetti

Texts
02-2013
Drammaturgie
Musikalische Wertung: 5
Technische Wertung: 5
Booklet: 5

Lucia Ronchettis kompositorische Arbeit ist in einem dichten Beziehungsgeflecht von Philosophie, Bildender Kunst und Literatur aller Epochen verankert. Da nimmt es nicht wunder, dass die Vokalmusik größte Bedeutung im Werkkatalog der römischen Komponistin besitzt, die im klanganalytischen Milieu des Spektralismus eines Tristan Murail und Gerard Grisey groß geworden ist. Ähnlich meisterlich wie Landsmann Salvatore Sciarrino inszeniert Ronchetti ein sublimes (gelegentlich auch derbes) Vokal-Theater, das der Szene gar nicht mehr bedarf und seine Erzählkraft ganz aus der Differenzierung stimmlicher Affekte gewinnt. Dies wiederum geschieht mit Vorliebe in fruchtbarem Dialog mit barocken und vor-barocken Ausprägungen vokaler Dramatik.
Ebenfalls kein Wunder also, dass Ronchetti eine langjährige Freundschaft mit den Neuen Vocalsolisten Stuttgart verbindet, deren Früchte hier in einer Auswahl theatralischer Vokalwerke mit und ohne Instrumentalklang unter dem Titel «Dramaturgie» präsentiert werden, was bei Ronchetti ungefähr soviel bedeutet wie «konzertante Szene».
Den Anfang macht «Hombre de mucha gravedad» für vier Stimmen und Streichquartett (2002), ein imaginäres Mini-Drama, das seine Figuren dem prominenten Velasquez-Gemälde «Las menias» entliehen hat und sie in einen wirren Strudel der Affekte wirft. Die glänzenden Vocalsolisten kosten in diesem vielschichtigen Netzwerk ambivalenter Ge­fühlsregungen das Schrille und Überdrehte gehörig aus. Verglichen damit kommt «Hamlet’s Mill» für Sopran, Bass, Viola und Cello (2007) ein wenig zu unaufgeregt daher, was beileibe nicht daran liegt, dass in dieser «Klangoper über die Erinnerung» (Ronchetti) auch mal öfter ganz «normal» gesungen wird. Aber die Momente, wo einen dieses komplexe Psychogramm – irgendwo im Niemandsland von Wissenschaft, Kunst und Mythos inspiriert und inhaltlich im Dunstkreis von nordischer Sage, Shakespeare’schem Drama und moderner Transformation (Text: Eugene Ostashevsky) angesiedelt – wirklich packt, sind rar, auch wenn Hamlets Zerrissenheit in extremen Registern nachgespürt wird.
Ausgesprochen charmant und suggestiv erscheint Ronchettis Vexierspiel mit dem Gestenrepertoire aus Madrigal und Oper in «Pinocchio, una storia parallela» (2005): ein A-cappella-Theater für vier Männerstimmen, das den altbekannten Stoff (hier von Giorgio Collodi bearbeitet) mehrdimensional auffächert. Es ist das pure Vergnügen, der Artikulationsvielfalt dieser burlesken Erzähltrümmer zu folgen, weil die Sänger ein offenkundiges Gespür für Ronchettis ambivalente Zwischentöne haben. Das gilt auch für «Anatra al cal» (2000), eine «Comédie Harmonika», die in der Manier barocker Madrigalkomödien eine Kochshow parodiert, wo fünf Meisterköche in Streit über die rechte Zubereitung einer «Ente in Salz» geraten – köstlich.
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