Lucia
Ronchetti

Texts
2012
Die Klangfarbe des Textes. Lucia Ronchetti über ihre neuen Projekte
Oper, Choroper, Drammaturgia: So bezeichnet Lucia Ronchetti die Formen, in denen sie mit Stimme(n) komponiert. In ihrem Text beschreibt sie Pläne für ihr vokales Komponieren. Meine Arbeiten für das Musiktheater lassen sich auf drei Formtypen zurückführen: Oper, Choroper und „Drammaturgia“ (Konzertante Szene).

Für das Nationaltheater Mannheim habe ich die Oper Neumond komponiert, eine Kammeroper für junges Publikum (1. August 2012, Mannheimer Mozartsommer), und zur Zeit bespreche ich mit Klaus-Peter Kehr ein neues Projekt für das Jahr 2014. Für die Semperoper Dresden werde ich zwei kurze Intermezzi nach Pietro Metastasio komponieren, Contrascena (2012) und Sub-Plot (2013). Sie werden in die Kammeroper Mise en Abyme über Metastasio einfließen, die für die Saison 2014/2015 unter der Regie von Axel Köhler geplant ist.

In den Opernprojekten erkunde ich verschiedene Möglichkeiten der Behandlung der Stimme, insbesondere die Kontinuität/Diskontinuität zwischen gesprochener und gesungener Stimme und die vokale Realisierung der Klangfarbe des Textes. Ich möchte eine Melodik erschaffen, die diejenigen Klänge identifiziert und transkribiert, die dem betonten Wort bereits innewohnen, die sein „image acoustique“ bilden. Diese Melodik sollte im monumentalen Bühnenraum der traditionellen Opernhäuser sowohl gesanglich als auch wahrnehmbar und verständlich sein.

Choropern wie Narrenschiffe (Münchner Opernfestspiele 2010), Prosopopeia (Heinrich-Schütz-Fest Kassel 2010 und Gera 2012) und 3e32 Naufragio di terra (Stagione Barattelli, L’Aquila 2011) sind als musiktheatralische Formen für Ensembles mit Laienchören konzipiert. Sie sind für Räume des sozialen oder religiösen Lebens gedacht, für Kirchen, Fabriken oder öffentliche Plätze. Diese Art von Musiktheater ist von der italienischen Volkstradition der Prozession und von Luigi Nonos dialogischem Theater inspiriert. Mit den Bewegungen und chorischen Handlungen der Teilnehmer untersuche ich Aspekte der Kommunikation musikalischer Rituale und versuche, die Grenze zwischen Publikum und Ausführenden fast bis zur Unmerklichkeit zu verringern.

Musiktheatralische Experimente ohne Bühne nenne ich hingegen „Drammaturgia“. Sie basieren auf der akustischen Identität der Figuren oder auf der Theatralisierung der instrumentalen Ausführung und des Konzertrituals. Hombre de mucha gravedad, das die Neuen Vocalsolisten und das Arditti Quartett am 16. Oktober 2012 beim Festival d’Automne in Paris wiederaufführen werden, ist eine akustische Erforschung des Bildes „Las Meninas“ von Diego Velázquez. Jede Figur des Bildes wird durch eine bestimmte Kombination aus Stimmen und Instrumenten repräsentiert. Ihre Anordnung folgt dem räumlichen Gerüst, das Velázquez für seine Figuren erdacht hat. Damit werden die Reihen eines Doppelquartetts durchbrochen, so dass eine horizontale Tiefenstaffelung aus Vorder- und Hintergründen entsteht. Ein Action concert piece für Schlagzeuger solo (2012) ist ein Auftrag von Josephine Markovits für den Schlagzeuger Christian Dierstein, der den Spieler von Dostojewski interpretiert (Uraufführung 16.10.2012 Paris, Festival d’Automne). Er ist dabei von seinem Set aus Perkussionsinstrumenten umringt, die das Hotelzimmer darstellen, in dem sich Überreste der Vergangenheit und Spuren der Spielleidenschaft angesammelt haben. Die Klangerzeugung entwickelt sich aus der Tiefe in die Höhe, ausgehend vom klingenden Fußboden, den der Solist mit Steppschuhen anschlägt, bis zum Roulette, das in der höheren Ebene des Sets hängt und zu dem er oft hinaufläuft um zu „spielen“.

Sites auriculaires (2013) ist eine neue „Drammaturgia“, die als Koproduktion verschiedener italienischer Institutionen zu meinem 50. Geburtstag entstehen wird und dem Duo Dillon-Torquati gewidmet ist. Violoncello und Klavier „inszenieren“ das  Privatkonzert vom 20. Januar 1932 in Wien, bei dem der einarmige Pianist Paul Wittgenstein dem Komponisten Maurice Ravel seine eigene, ganz persönliche Version des Konzerts für die linke Hand vorstellte: eine Zusammenarbeit, die zwischen zwei Musikern, die mit Erfahrungen des physischen, mentalen, dialogischen und kommunikativen Mangels kämpften, nicht glücken konnte.

(Übersetzung: Irene Weber-Froboese)
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