Lucia
Ronchetti

Texts
02-07-2014
Die ausgezeichnete Komponistin 
Ach Gott, verstören wollte sie einst, die Neue Musik, aufrütteln und den Menschen, ihren Harmoniesüchten und ausgewaschenen Hörgewohnheiten mächtig etwas entgegensetzen, etwas, so forderte es nicht nur Moderne-Papst Adorno, das wahr ist und Wahrheit auch aus der Dialektik des Schönen und Hässlichen beziehen sollte. Dass nichts mehr selbstverständlich sei, schrieb der Meister da, genau darin liege die Selbstverständlichkeit der Kunst. Vor 45 Jahren ist das gewesen.
Wie er sich doch irrte, dieser Theodor W. Adorno, denn heute scheint es mehr, dass alles selbstverständlich parallel möglich sei. Man muss, um dies zu erfahren, nicht nach Darmstadt oder Donaueschingen reisen, zu den einstigen Neutöner-Mekkas. Es reicht, beim Heidelberger Frühling Matthias Pintscher oder Jörg Widmann zuzuhören - oder der Verleihung des Heidelberger Künstlerinnenpreises beizuwohnen. Hier ertönt zwar längst keine Neue Musik mehr, wohl aber zeitgenössische.
Das Hässliche ist versteckt
Nun hat diesen dank der Lautenschläger-Stiftung immerhin 10 000 Euro schweren Preis die Römerin Lucia Ronchetti erhalten. Aus den Händen von OB Eckart Würzner, der auch konstatierte, Ronchettis Werk sei geprägt von "formaler Grenzüberschreitung", dass es inspiriert sei von Philosophie und Literatur und zudem auch noch Humor enthalte.
Zuvor hatte das Philharmonische Orchester unter der Leitung von GMD Yordan Kamdzhalov eine spannende deutsche Erstaufführung von Ronchettis "Déclive-Etude" (Etüde über die Neigung) gespielt, ein Werk von 2002. Es ist Musik, die aus der Ruhe kommt. Fast 15 Minuten lang hören wir liegende, amorphe Klang-Seen, aus denen immer wieder ein Ungeheuerchen auftaucht, sich emporstreckt und wieder untertaucht. Klänge schwellen an und wieder ab. Spannend ist einiges daran, teils scheint totale Freiheit zu herrschen und jeder zu spielen, wann er will, dann wieder konzentriert sich alles in Rhythmen, die periodisch und aperiodisch sein können. Auch Dissonanz kommt vor, aber das Hässliche an ihr ist immer so gut unter den zarten Wellen der Seen versteckt, dass es nicht hör- und greifbar wird.
Die Zeiten haben sich eben geändert, und wenn manche sagen, die Neue Musik sei tot, so könnte man auch den Künstlerinnenpreis als Beweis anführen: Die letzten Trägerinnen davor, Maria Panayotova 2013, Jamilia Jazylbekova 2012 oder Isabel Mundry, 2011 dienen als Exempel.
Überhaupt: die Frauen. Der Musikkritiker Gerhard R. Koch (früher F. A. Z) ging in seiner Laudatio auch auf Vergabepraktiken renommierter Preise ein. So spiele etwa beim Ernst von Siemens Musikpreis (mit 250 000 Euro dotiert) das "Prominentenprinzip" leider eine große Rolle, zudem vermittle die Männerdominanz ein anachronistisches Bild. Unter den 41 Preisträgern von Britten 1974 bis Gülke 2014 war nur eine Frau: Anne-Sophie Mutter! Ausgerechnet!
Zu diesem "Panorama ohne Frauen" besetze der Heidelberger Musikpreis eine erfreuliche Gegenposition. Biologistische Argumente nach dem Richard-Strauss-Motto, dass Frauen nicht komponieren können, seien längst ad absurdum geführt. An Lucia Ronchettis Kunst bemerkt und bewundere er, Koch, den "multiperspektivischen, facettenreichen Personalstil", bei dem die klangliche Introspektion überwiege. Mit ihrer "Exploration der Klänge" begebe sie sich dennoch nicht in einen Elfenbeinturm, sondern begegne mit ihren kompositorischen Mitteln der gesellschaftlichen Realität.
Das ist der Punkt: die gesellschaftliche Realität, man könnte auch sagen: Relevanz. Denn ihr Fehlen war mitunter der Grund dafür, dass das dialektische Wahrheitsprinzip Adornos nicht griff, braucht es für Relevanz doch immer drei: Komponist, Interpret, Publikum.
Ronchettis Musik hat Publikum, sie ist überaus sensibel, atmet, geht an, spricht trotz gewisser Exotik zum Menschen. Dass trotzdem eine andere der Star des Konzerts wurde, bleibt ein trauriges Phänomen: Zuerst erspielte sich die - freilich phänomenal gute - Pianistin Plamena Mangova mit Bartóks 3. Klavierkonzert die Lizenz für zwei Zugaben (Chopins Nocturne cis-Moll op. post. und Schubert-Liszts "Atlas"), dann folgte ein Beifallssturm sondergleichen. Das ist durchaus ernüchternd, bleibt sie doch - bei aller Meisterschaft - ja "nur" Interpretin. Hoffentlich folgt auf den Tod der Neuen Musik nicht auch noch der der zeitgenössischen. Was bliebe uns dann? Ein Museum für ernste Musik. Bitte nicht, ach Gott!
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