Lucia
Ronchetti

Texts
02-11-2014
Der Preis der Frauen
Auch in diesem Jahr wurde wieder der Heidelberger Komponistinnenpreis vergeben. Im festlichen Rahmen des Abends, an dem die Gäste auch eine deutsche Erstaufführung erleben durften, gab es auch deutliche Worte.
Der Preis ist international sehr angesehen und zählt zu den wichtigsten Kulturpreisen des Landes Baden-Württemberg. Und die Stadt Heidelberg hat ein Alleinstellungsmerkmal, denn der jetzt mit 10.000 Euro dotierte „Heidelberger Künstlerinnenpreis“ ist der weltweit einzige, der ausschließlich an Komponistinnen vergeben wird. In diesem Jahr also ist die Italienerin Lucia Ronchetti dran, deren Stück Déclive Étude vom Heidelberger Philharmonischen Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Yordan Kamdzhalov als deutsche Erstaufführung bestens gespielt worden ist und dabei auf große Resonanz und Zustimmung stößt.
Die 1963 in Rom geborene Lucia Ronchetti, die in Rom Komposition und Philosophie studierte und ihre Studien in Paris am berühmten Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique verfeinerte, um an der Sorbonne zu promovieren, ist eine sehr gefragte Künstlerin. Ihre Musiktheaterwerke werden an großen Häusern wie Paris, Mannheim, Dresden, Venedig, München oder Berlin aufgeführt, ihre Instrumental- und Vokalwerke erregen große Bewunderung. Denn Lucia Ronchetti verfügt über einen ausgeprägten, „multiperspektivischen und facettenreichen“ Personalstil, wie Kritiker Gerhard R. Koch in seiner Laudatio anmerkt.
Der zeigt sich auch exemplarisch im Orchesterwerk Décline Étude, das für die Heidelberger Aufführung noch einmal gemeinsam mit dem Dirigenten überarbeitet worden ist. Zu hören ist eine außerordentlich delikate Musik, bei der Klänge wie durch eine Spektralanalyse zerlegt werden, um über das Obertonmaterial sensible Klangfenster zu öffnen. Eine scheinbar schwebende und klug disponierte Musik entwickelt sich, die frei und selbstsicher über das ewige Fragezeichen des Seins zu philosophieren scheint. Das 14 Minuten dauernde Werk fordert und erhält vom Orchester hohe Sensibilität in einer überzeugenden Interpretation.
Große Namen
Die Liste der 23 Komponistinnen, die seit 1987 ausgezeichnet worden sind, liest sich beeindruckend. Sie reicht von Adriana Hölszky über Sofia Gubaidulina bis hin zu Ruth Zechlin und Olga Neuwirth. Der Preis geht auf eine Initiative von Roswitha Sperber zurück, die mit vielen Festivals als eine der ersten den Blick vor allem nach Osteuropa und das dortige Musikschaffen lenkte. Der Preis ist seit diesem Jahr mit 10.000 Euro dotiert und mit der Bronzeskulptur Gebrochenes Ganzes von Günter Braun verbunden.
In seiner Laudatio übt Gerhard R. Koch herbe Kritik an Vergabepraktiken, etwa beim Ernst-von-Siemens-Musikpreis, der ein anachronistisches Bild vermittle, wenn er das „Prominentenprinzip künstlerischer Würdenträger“ pflege und – mit einer einzigen Ausnahme – nur Männer auszeichne. Zu diesem „Panorama ohne Frauen“ entwickle Heidelberg eine erfreuliche Gegenposition.
Ein philharmonischer Abend lebt nicht von Lucia Ronchetti allein, deshalb stehen noch das dritte Klavierkonzert von Béla Bartók mit der glänzenden Pianistin Plamena Mangova und Tschaikowskys Sinfonie Pathétique voll süffiger Endzeitstimmung auf dem Programm.
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