Lucia
Ronchetti

Texts
01-18-2013
Aus dem Geist der Madrigalkomödie
Eine CD mit den Neuen Vocalsolisten Stuttgart versammelt vier Vokalwerke der Italienerin Lucia Ronchetti und führt dabei vor, wie geistvoll zeitgenössische Musik sein kann.

Es ist ein Augenblick, wie man in zumindest in den bierernsten Arbeiten zeitgenössischer deutscher Komponisten kaum jemals zu hören bekommt – weil man nämlich darüber lachen kann: Da streiten sich sechs Köche über das beste Rezept für die Zubereitung eine Ente und verwickeln sich dabei immer stärker in die Fallstricke ihrer Eitelkeiten. Diese reizvolle Travestie einer Kochshow, die Rubia Ronchetti (*1963) unter dem Titel 'Anatra al cal' im Jahr 2000 als ‚Comédie Harmonika‘ für die Neuen Vocalsolisten Stuttgart komponierte, ist mit ihrem sprühenden, augenzwinkernden Humor nicht nur ein brillantes Beispiel dafür, wie intelligent man sich heute mit Vorbildern aus der Tradition – in diesem Fall mit der Gattung der Madrigalkomödie – auseinandersetzen kann; sondern sie diente zugleich auch als Initialzündung für eine ganze Reihe weiterer Werke, die seither für das phänomenale Vokalensemble aus dem Süden der Republik entstanden sind.

Die bei Kairos veröffentlichte CD ‚Dramaturgie‘ versammelt insgesamt vier solcher Kompositionen, wobei die Produktion auf Ausgewogenheit setzt und zwei Werken für unterschiedlich besetzte Solostimmen – 'Pinocchio, una storia parallela' (2005) und 'Anatra al cal' (2000) – zwei Werke für Stimmen und Streicher – 'Hombre de mucha gravedad' (2002, unter Mitwirkung des Arditti Quartet) und 'Hamlet’s Mill' (2007, unter Mitwirkung von Hannah Weinrich, Viola, und Erik Borgir, Violoncello) – gegenüberstellt. Allen Stücken ist jedoch jenes Kennzeichen gemein, das Rainer Pöllmann in seinem lesenswerten Booklettext als Mischung aus ‚realem‘ und ‚imaginärem‘ Theater, als ‚Theater aus dem Geist der Musik‘ beschreibt. Manchmal quellen die Stücke daher geradezu über vor Ideen, geraten die Aktionen der Mitwirkenden – wie in 'Hombre de mucha gravedad' – zu einem Sich-Überkreuzen von Stimmen, das die Imagination des Hörers anheizt.

Dass man – wie immer bei solchen Produktionen – die visuelle Seite der Umsetzung nicht miterleben kann, sondern von den eingefangenen Klängen auf das szenische Potenzial der Kompositionen schließen muss, bleibt zwar ein Wermutstropfen, tut aber der Freude an der musikalischen Darstellung ebenso wenig Abbruch wie der Umstand, dass die hier zu hörende Aufnahme von 'Anatra al cal' im Jahr 2004 bereits schon einmal im Kontext einer CD mit musiktheatralischen Werken für Solostimmen (‚alles theater!‘, Stradivarius STR 33680) veröffentlicht wurde – zumal sich die Neuen Vocalsolisten bei den übrigen Kompositionen ebenfalls richtig ins Zeug legen. Vom schlanken, vibratolosen Klang in akkordischen Übereinanderschichtungen bis hin zur grell gefärbten Überzeichnung vokaler Extremsituationen ist daher alles vertreten, und die intensive Umsetzung lässt sofort spüren, wie gern sich die Sängerinnen und Sängern mit diesem Schwanken zwischen Ernst und Komik befassen, wie sie ständig die Stimmung umspringen lassen und dabei auch den Hörer einbeziehen. Und Ronchetti? Sie hat ihre Lektionen gelernt und eine brillante Synthese zwischen Blicken auf die Errungenschaften der Madrigalistik und dem zeitgenössischen, an einer besonderen Form des Musiktheaters interessierten Komponieren geschaffen. Damit beweist eben jene Mischung aus Humor und Leichtigkeit bei zugleich hohem intellektuellen Anspruch, die den sauertöpfischen Neue-Musik-Schreiberlingen hierzulande zumeist leider völlig abgeht.
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